Werter Leser! Aus rechtlichen Gründen müssen wir sie darauf hinweisen, dass die folgende Geschichte reine Fiktion ist. Sie ist erstunken, erlogen und an den Haaren herbeigezogen! Aber irgendwie ganz geil...

 

CASPER HOLLYWOOD                                                                                         von Till Krustofski

 


Es war bereits 8Uhr morgens. Aber an Schlaf war immer noch nicht zu denken. Die kalifornische Sonne bahnte sich mühevoll ihren Weg durch den dichten Smog, der über Downtown lag und es wurde höchste Zeit, dass wir den stinkenden Moloch Los Angeles` verließen. Iggy steuerte das pinkfarbene Cabriolet mit einer selbstverständlichen Leichtigkeit durch die Hollywood Hills, als wären die letzten 24 Stunden spurlos an ihm vorüber gegangen...

Den Morgen zuvor um die selbe Zeit befanden mein guter Freund und Geschäftspartner John und ich uns auf dem Weg zum Chateau Marmont Hotel am Sunset Boulevard. Wir waren für ein Fotoshooting und Exklusivinterview mit Iggy Pop verabredet. Und der Godfather of Punk ließ nicht lange auf sich warten. Während andere Superstars mit einer Entourage von nicht weniger als 10 Leuten auflaufen, schlappte Iggy alleine und barfuß (!) daher. Aber man merkte sofort, dass er Profi durch und durch ist und die Fotos waren nach knapp 1 Stunde im Kasten. Das Interview wollte Iggy mit uns allerdings im "Rainbow" führen. Einem, seit den 70ern, angesagten Lokal am Sunset Strip. Wir sollten doch unbedingt die Atmosphäre der Stadt aufsaugen.
Dort angekommen orderte Iggy erstmal ein paar Drinks für uns. Wir unterhielten uns über dieses und jenes und natürlich über seine Zeit im damaligen West-Berlin. Dort lebte er mit David Bowie in einer WG, schrieb seine größten Hits und wurde schwer drogenabhängig. Alles nix Neues, doch wir lauschten gebannt seinen Worten. Nach einer Weile entschuldigte er sich Richtung Toilette. John und ich bestellten eine neue Runde Hemmungslöser und waren guter Dinge. Unser Trip in die Staaten schien ein voller Erfolg zu werden.
Nach wenigen Minuten war Mr.Pop wieder zurück. Und unter seinem Arm hielt er jetzt einen kleinen Karton. Er druckste ein wenig herum und meinte, er hätte einen Freund getroffen. Er offenbarte uns, dass das sein eigentlicher Grund gewesen wäre ins "Rainbow" zu fahren. Und er müsse uns jetzt etwas zeigen. Iggy ließ sich auf seinem Stuhl nieder und öffnete den Karton. Vorsichtig griff er mit beiden Händen hinein und zog sie ganz behutsam wieder heraus. Zum Vorschein kam...eine Kröte! Grinsend erklärte Iggy, dass es sich um eine sogenannte Aga-Kröte handelt. Und dies ein sehr kostbares Tier sei. Sehr kostbar für Drogenkonsumenten! Wenn man die Kröte großem Stress aussetzt oder sie Angst hat, sondert sie ein Sekret ab. Dieses enthält starke Halluzinogene und löst einen rauschartigen Zustand aus. Aber natürlich nur, wenn man die Kröte ableckt, und so das Sekret aufnimmt. Aha, interessant. Aber, wollte Iggy jetzt etwa...?? Oder sollten wir??? Allerdings!!! Es kam uns absurd vor, an einer Kröte zu lecken. Und wir glaubten auch nicht so recht an eine besondere Wirkung oder gar einen Rausch. Aber auf der anderen Seite war es eine verrückte Story - mit Iggy Pop!
Ok. Es war abgemachte Sache. Vorher bestellten wir jedoch eine Runde Schnaps, um uns auf unser Vorhaben einzuschwören. Dann war es soweit. Der Reihe nach leckten wir die Kröte ab und ließen das arme Tier wieder im Karton verschwinden. Irgendwie peinlich berührt blickten John und ich stumm auf unsere Gläser. Iggy war gut aufgelegt und sagte noch so etwas wie "Gute Reise, Gentleman." Und auf einmal veränderte sich unser Zustand. Es verschoben sich Raum und Zeit und wir kamen uns vor wie in einem Paralleluniversum. Aber auf eine ganz und gar wunderbare Weise. Überhaupt nicht angsteinflößend. Unsere Münder standen weit offen und wir staunten...und staunten...und staunten. Und wir staunten über das Wort "Staunen". Wie es sich anhört, wenn man es ausspricht. Und wer es wohl erfunden hat, das Wort "Staunen". Das war bestimmt ein ganz großer Stauner! Der größte Stauner, den die Welt jemals bestaunt hat. Wir kamen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, als aus dem Halbdunkel einer Nische ein Bär auf einem Einrad gefahren kam und Zirkusmusik erklang. Ein Dompteur ließ eine Gruppe Pinguine, die allesamt bunte Spitzhüte trugen, durch einen brennenden Reifen springen. Ein Zigarre rauchender Affe sang schmutzige Piratenlieder. Eine Frau ohne Unterleib, dafür aber mit sechs Armen jonglierte mit kleinen Hundewelpen. Drei Indianer tanzten einen Regentanz. Zwei Clowns ohrfeigten sich gegenseitig. Gargamel jagte einem Schlumpf hinterher. Ein Großwildjäger animierte die Gäste zu einem Schaukampf gegen ein Känguruh. Und ein Sheriff, seinen Hut tief ins Gesicht gezogen, drehte auf einem kleinen weißen Pony einsam seine Runden und beobachtete das ganze Treiben argwöhnisch. Auferstanden von den Toten, betrat zu guter Letzt der legendäre "Club 27" die Bühne. Jim Morrison, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Kurt Cobain, Brian Jones und Amy Winehouse gaben passender Weise den "Doors" - Hit "L.A.Woman" zum Besten. Die Stimmung war auf dem Siedepunkt und unsere Synapsen feierten Fasching. Die gesamte Partymeute, halb Mensch, halb Tier hatte sich in Extase getanzt, als urplötzlich die Tür zum "Rainbow" aufsprang. Die Musik verstummte und alle Anwesenden starrten zum Eingang. Eine Eiseskälte kroch in den Raum...Totenstille! Wir trauten unseren Augen nicht. Der Präsident der Vereinigten Staaten Amerikas himself gab sich die Ehre. Donald - das Alphatierchen - Trump! Auf seinem Arm ein kleiner, zitternder Rotfuchs, mit kahlrasiertem Hinterteil. Trumpi wie immer, top gestylt. Mit einer kecken Frisur, bei der man immer denkt, dass sie ein Eigenleben entwickelt hat. Missgelaunt wie man ihn kennt musterte er die illustre Runde. Sekundenlang. Bis er schließlich schrie: "Fake! … Fake! … Das ist alles nur gefaked!" Der Fuchs befreite sich aus den Fängen des Präsidenten und schlüpfte aus der Tür ins Freie. Morrison blökte zurück: "Was willst du denn, du Ballerbirne? Das Einzige was hier gefaked ist, sind deine Haare, du... du... du grenzdebiler Tierquäler." Das war eindeutig zu viel für die Nr.1!   Mr.Präsident lässt sich nämlich nur ungern duzen! Ab und an vielleicht mal von seiner Frau. Das wars dann aber auch schon. Und es kam wie es kommen musste. Eine heftige Massenkeilerei entfachte. Jeder gegen jeden und alle miteinander. Barhocker flogen, Gläser gingen zu Bruch, das Känguruh verprügelte den Großwildjäger, und Gargamel, der einen Schlumpf im Schwitzkasten hielt, bezog Schläge von Schlumpfine. Das Ganze artete total aus, weswegen Iggy, John und ich  unter einem Tisch in Deckung gingen. Gerade als einer der Indianer dem Präsidenten an den Skalp wollte, zuckte dieser wie von der Tarantel gestochen zusammen. Er machte unglaubliche Verrenkungen und schrie dabei. Anscheinend vor Schmerzen. Und fing an, sich immer und immer wieder selbst ins Gesicht zu schlagen! Auf einmal trat Hillary Clinton ins Licht. In der Hand hielt sie eine Voodoo - Puppe, die Donald Trump nicht unähnlich sah und malträtierte diese mit einer spitzen Nadel. Daraufhin versuchte Donald sich seine Haare auszureißen. Er griff mit beiden Händen in seinen Rotschopf, zerrte wie verrückt daran... und schrie... und zerrte... und heulte... und schrie... und zerrte... . Was für ein Schauspiel! Nun kam der Cowboy auf dem kleinen Pony ins Spiel und setzte dieser abstrusen Nummer ein Ende. Langsam hob er seinen Kopf und wir konnten endlich sein Gesicht erkennen. Clint Eastwood!!! Mit einer abgesägten Schrotflinte feuerte er auf den riesigen Kronleuchter, welcher daraufhin mit lautem Getöse in die Menge krachte. Der Lärm verstummte. Nach einer gefühlten Ewigkeit legte sich der aufgewirbelte Staub und wir krochen aus den Trümmern hervor. Wir waren die einzigen im Raum. Alle anderen waren verschwunden. Das gesamte Gruselkabinett. Wir klopften den Staub aus unserer Kleidung, taumelten aus dieser Höllenlocation und liefen fast gegen ein pinkfarbenes Cabrio, welches halb auf dem Bürgersteig parkte. Geistesgegenwärtig stiegen wir ein, denn wie für uns bereit gestellt, steckte der Schlüssel im Zündschloss. Iggy klemmte sich hinter das Steuer und wir fuhren los.
Wir fuhren nicht los, wir rasten! Und zwar mit quietschenen Reifen den Strip runter. Iggy nahm jede Kreuzung, ob bei Grün, Gelb oder Punkergrün. Wir klammerten uns an unseren Sitzen fest und schrien, dass er anhalten solle. Keine Reaktion! Von nun an schob er seinen eigenen Film. Keine Ahnung welche Paranoia ihm im Nacken saß, aber es schien als sei er auf der Flucht. Vor was auch immer. Iggy fuhr Schlangenlinien, benutzte nicht nur beide Straßenseiten, sondern auch die Gehwege. Ein Obststand und mehrere Mülltonnen markierten unsere Spur der Verwüstung. "Iggyyyyyyy, halt aaaaaaaaan!" So langsam wurden wir wütend. Jetzt brüllte er zurück. "Nehmt die Köpfe runter, wir müssen die verdammten Flamingos abschütteln!"  "Waaaaaas, welche Gringos?", rief John. Auch Mr.Pop wurde langsam ärgerlich. "Flamingos! Du unterbelichtete German Kartoffel!"  Und er hatte Recht. Direkt über uns eine rosafarbene Wolke aus Flamingos. Bestimmt an die fünfzig Stück. Nein, mehr! Hundert! Nein. Hunderte!!! "Die sind hinter mir her!" erklärte Iggy. "Weil ich ihre Fische klaue. So sehen die das jedenfalls. Ich sehe das ja etwas anders." Ach nee, dachte ich. Und ich sehe das ganz, ganz anders! Doch ich wußte nicht mehr, was ich glauben sollte. Was war hier Realität und was der Aga - Kröten - Gaga - Trip??? Wir waren nur noch der Spielball unserer Psyche. Unserer Fantasie, die mit uns durchging und sich einen abartigen, morbiden Riesenspaß mit uns erlaubte. Das Ganze war ein schmaler Grat zwischen einer steilen Party und blankem Horror. Vielleicht sollten wir die Cops bitten uns einzusperren. Nur für zwei oder drei Tage. Bis wir wieder einigermaßen klarkommen. Meine Gedanken schweiften ab. Ich spürte den kalten, nassen Atem der Straße auf meinen Schultern und sehnte mich nach einner kleinen, gemütlichen Zelle auf der Polizeiwache. Mit einer wärmenden Decke und einer Tasse dampfendem Kaffee.
Aprupt kamen wir zum Stehen und ich schlug mit meinem Kopf gegen das Armaturenbrett. Blut lief mir aus einem Nasenloch. Ich sagte kein Wort. Ich wollte auch nicht. Ich starrte nur geradeaus und wollte meine Ruhe haben. Die Flamingos hatten wir jedenfalls abgehängt. Oder sie hatten sich in Luft aufgelöst. Wer weiß das schon. John schrie von hinten nur "SCHEISSE, SCHEISSE, SCHEISSE!" Er hämmerte mit seinen Fäusten gegen meinen Sitz, sprang aus dem Auto und lief Iggy hinterher. Augenscheinlich waren wir am Venice Beach gelandet. Benommen trottete ich den beiden nach. Es war eine sternenklare, eisigkalte Nacht. Nur das Wellenrauschen durchbrach die Stille. In der Ferne flackerte ein Lagerfeuer am Strand. Und wären wir nicht unter diesen abnormalen Umständen unterwegs, es wäre fast romantisch gewesen. Aber halt nur fast. Iggy hetzte mit großen Schritten, bestimmt zehn bis fünfzehn Meter vor uns durch den Sand. Dann gingen wir einen langen Pier entlang, an dessen Ende ein kleines Fischerboot lag und im Takt der Wellen vor sich hinschaukelte. Die letzten Minuten hatte keiner von uns auch nur ein Wort gesprochen. Wir waren einfach nur krass bedient und funktionierten. Bei dem Fischerboot angekommen blieben wir endlich stehen. Iggy drehte sich zu uns um und wir sahen, wie sich seine Augen mit Tränen füllten. Ohne Vorwarnung heulte er los! Aber richtig! Er schluchzte richtig jämmerlich und konnte sich kaum beruhigen. Meine Güte, was war hier los??? Wir waren mit dieser Situation überfordert. Nach minutenlangem Krokodilstränenfluss und Gebibbere bekam er dann doch noch die ersten geraden Sätze heraus. Doch mit welcher Story er dann rüberkam ließ uns fast verzweifeln. Anscheinend hatte sich sein Verstand endgültig verabschiedet und war irgendwo zwischen dem "Rainbow" und hier, diesem kalten, windigen Pier, in dieser kalten, beschissenen Nacht auf der Strecke geblieben. Anders war das nicht zu erklären. Für ihn jedoch hörte sich das Ganze selbstverständlich an. Und es war ja auch die schockierende Wahrheit!
Vor etwa 2 Jahren hatte Iggy in einer feuchtfröhlichen Nacht in einer Spelunke auf dem Strip Casper Hollywood kennengelernt. Den Casper Hollywood! Ein aufstrebender, angesagter Künstler, der in kurzer Zeit mit seinen Arbeiten für mächtig Furore gesorgt hatte. Der neue Fixpunkt... . Nein! Die glitzerne Diskokugel am Firmament! Aber wenn zwei Ausnahmepersönlichkeiten wie Iggy Pop und Casper Hollywood aufeinandertreffen, kann das nicht gutgehen. Denn Plus und Plus ergibt Minus. Und das Drama nahm seinen Lauf. Die beiden verstanden sich auf Anhieb bestens. Die Toxictwins unter sich! Dem Schmiersuff, und allem anderen "was schnell macht" , nicht abgeneigt, feierten die beiden sich gegenseitig ordentlich ab. Bis Iggy in dieser unheilvollen Nacht eine Aga - Kröte organisierte. Denn Casper bekam das Krötenschlecken überhaupt nicht. Von Jetzt auf Gleich war in seinem Kopf Halligalli angesagt. Es fühlte sich an, als hätte sich sein Gehirn in einen Ameisenhaufen verwandelt, der sich mit jedem Atemzug vergrößerte. Klar denken war von da an ausgeschlossen. Der Trip nahm unaufhaltsam seinen Lauf und ließ sich durch nichts stoppen. Größenwahnsinnig legte er sich im "Whiskey a go go" mit den Gästen an, demolierte die Toilette und war drauf und dran einen Barhocker durch die Fensterfront nach draußen zu schieben. Das wußte der Wirt allerdings zu verhindern und setzte Iggy und Casper vor die Tür. Pöbelnd, mit puterrotem Kopf vor Wut, pinkelte Casper gegen ein parkendes Auto, bevor er es schließlich auch noch mit einigen Fußtritten malträtierte. Erst als er aus seinem Augenwinkel eine kleine, verfilzte Katze erblickte, ließ er erschöpft von dem Blechhaufen ab. Der Zorn verschwand aus Caspers Gesicht. Er hatte das Tier sofort ins Herz geschlossen. Von einem Extrem ins Andere, füllte sich sein Herz schlagartig mit Liebe und Zuneigung. Doch er kam seiner neuen felligen Freundin, sagen wir mal, etwa zu nah, woraufhin diese ihm kurzerhand in den Unterleib biss! Schreiend sackte (und die Betonung liegt auf SACK) Casper zu Boden und blieb zusammengekrümmt liegen. Durch diesen Schmerz aber hatte er für einige Sekunden einen lichten Moment und registrierte, welch peinlicher Fauxpass ihm unterlaufen war.        Damit er nie, nie, nie wieder an einer Aga - Kröte lecken kann, biss sich dieser durchgebimmelte Acidhead umgehend und mit aller Konsequenz seine Zunge ab. Und schluckte sie runter! Dann wurde er ohnmächtig...
In einer mehrstündigen Not - Op wurde Casper Hollywood gerettet. Tag und Nacht wachte Iggy an seinem Bett und nahm ihn, als er entlassen werden konnte, mit auf sein Anwesen in den Hollywood Hills. Dort wurde Casper von Iggy´s Angestellten und ausgebildetem Fachpersonal aufgepäppelt. Schließlich war das Krötenlecken Iggy´s Idee und er fühlte sich schuldig und in die Pflicht genommen. Casper Hollywood aber sollte nie wieder der Selbe werden. Mal davon abgesehen, dass er mit halber Zunge nicht mehr sprechen kann, hat sein Seelenleben durch den Vorfall und die Drogen in dieser Nacht einige Psychosen entwickelt, die irreparabel erscheinen. Um es direkt auf den Punkt zu bringen - Seit dem Aufeinandertreffen mit der Miezekatze hält Casper sich für einen Kater! Mit gedrungener Haltung und auf allen Vieren schleicht er in Iggy´s Keller umher. Ab und an knurrt er etwas unverständliches vor sich hin. Erst ganz, ganz leise. Minutenlang. Dann wird er immer lauter und wütender, bis das Ganze in einem ohrenbetäubendem Katzengeheul endet. Doch dann setzt es ein paar satte Ohrfeigen, damit dieses arme Geschöpf wieder zur Besinnung kommt. Das Highlight eines jeden Tages ist die Fütterungszeit. Anders kann man es leider nicht nennen. Casper ernährt sich jetzt ausschließlich von rohem Fisch. Etwas anderes nimmt er nicht mehr an. Roher Fisch und Rotwein! Ein Widerspruch in sich selbst, da er eine Omega 3 - Säuren Intoleranz hat und Fisch das Letzte ist, was er zu sich nehmen sollte. Die Reaktion seines Körpers darauf gibt ihm den Rest. In der ersten Stunde danach läuft sein Herz-Kreislauf - System auf vollen Touren und treibt Casper zu alter Hochform an. Vollkommen unter Strom erschafft er Kunst, die "From Outta Space" zu sein scheint. Als wenn fremde Mächte, aus einer Welt von Übermorgen, ihm sein Tun diktieren würden. Straight und absolut fokussiert erfüllt er seinen Auftrag. Danach aber sackt er total erschöpft in sich zusammen und fällt in einen tiefen, tiefen Schlaf. Bis zur nächsten Fütterungszeit und der darauffolgenden Show! "Tja Freunde, so sieht das aus!" erklärte Iggy. "Und diese Nussschale hier ist mein Fischerboot. Mein Einkaufsladen für Casper Hollywood. Täglich komme ich hier raus nach Venice Beach, um Nahrung für den ach so großen Künstler zu holen, der sich für eine Schmusekatze hält. Und so langsam habe ich die Schnauze voll. Ich bin zwar schuld an der Misere, aber ich kann nicht mehr. Ich kann schon lange nicht mehr. Die Schuld lastet so schwer auf meinen Schultern. Und dann dieser immense Druck, diese Geschichte vor der Öffentlichkeit geheim zu halten. Ich habe mit mir und meinen Dämonen schon genug zu tun. Mit meinem Leben, meiner Musik, meiner Karriere. Ich schaffe das einfach nicht mehr. Und ich erzähle euch das alles auch nur, weil ich hoffe, oder... äääh, euch bitten wollte, dass ihr vielleicht... also, wenn ihr euch das vorstellen könnt... .Bitte nehmt Casper Hollywood mit nach Germany!!!"

Schweigen!                  

Und das war das kleine Zeitfenster, in dem wir hätten zusehen sollen, dass wir beide Beine in die Hand nehmen und Hackengas geben. Weg von diesem Verrückten! Weg von diesem Strand! Weg aus diesem Land! Weg! Weg! Weg! Doch aufgrund dieser abgedrehten Story, in der superabgedrehten Story, welche wir hier sowieso gerade erlebten, waren wir wie versteinert und fügten uns unserem Schicksal. Da es uns die Sprache verschlagen hatte, schlug Iggy vor, dass es wohl das Beste wäre, wenn wir jetzt erstmal zu ihm fahren würden, um zur Ruhe zu kommen. John und ich nickten willenlos und wir machten uns auf den Weg Richtung Iggy´s  Zuhause. Und zu Casper Hollywood...

 

Es war bereits 8 Uhr morgens. Aber an Schlaf war immer noch nicht zu denken. Die kalifornische Sonne bahnte sich mühevoll ihren Weg durch den dichten Smog, der über Downtown lag und es wurde höchste Zeit, dass wir den stinkenden Moloch Los Angeles´ verließen. Iggy steuerte das pinkfarbene Cabriolet mit einer selbstverständlichen Leichtigkeit durch die Hollywood Hills, als wären die letzten 24 Stunden spurlos an ihm vorüber gegangen. Vergessen waren seine Tränen am Strand. Und seine Verzweiflung. Vergnüglich pfiff er zur Musik die aus dem Radio dudelte und frohlockte, was für eine crazy Nacht doch hinter uns lag. Der Fahrtwind strich uns sanft durch das Haar und es tat unendlich gut die Morgensonne auf unseren übermüdeten Körpern zu spüren. Links und Rechts zogen die Bäume in sattem Grün an uns vorbei. Alles schien so klar und frisch. Der Rausch der letzten exzessiven Nacht kroch nach und nach aus unseren Knochen. Trotzdem verspürten wir ein leichtes Unwohlsein in der Magengegend, denn für Iggy schien es abgemachte Sache zu sein. Wir, die beiden Krauts, werden Casper Hollywood mit nach Deutschland nehmen. Doch je länger wir darüber nachdachten, konnten auch wir uns mit dem Gedanken anfreunden. Zumal wir seit geraumer Zeit auf einer Nordseehallig wohnen und wir den Künstler mühelos mit frischem Fisch versorgen könnten.  Nach geraumer Zeit erreichten wir das bewachte Villenviertel und bogen auf Iggy´s Anwesen ein. Ein älterer Herr mit Frack kam auf uns zu gewackelt. Es war der alte Eduard, Iggy´s Butler und gute Seele des Hauses. Seit vielen Jahren kümmert er sich, zusammen mit seiner Frau Maria, um die pompöse Villa. Herzlich begrüßte er uns und führte uns in das große Kaminzimmer. Iggy verschwand derweil für einen Moment in seinen Gemächern. John und ich versanken in den schweren, mit Samt bezogenen Sesseln, genossen den Kaffee, den Maria uns servierte, und bestaunten das mondäne, barocke Deckengemälde. Wohlig warm war uns zumute. Der Schrecken der Nacht war ganz weit weg.Wenn auch nur für kurze Zeit. Bald darauf ließ Mr.Pop bitten. Es war an der Zeit Casper Hollywood kennenzulernen. Nun denn... . Mit großer Mühe schälten wir uns aus den Sesseln. Wir folgten Iggy eine lange, steile Treppe hinab ins Kellergewölbe. Modriger Gestank kam uns aus der Kälte entgegen. Unten angekommen hielt Iggy inne. "Seid ihr soweit?" Mit einem großen Schlüssel schloß er eine alte, verrostete Stahltür auf, die er daraufhin mit aller Kraft aufstemmte. Gebannt und in sicherer Entfernung lugten wir ins Dunkel. Iggy drückte den Lichtschalter und eine kleine Glühbirne flackerte auf. Jetzt, ganz hinten in der Ecke entdeckten wir ein augenscheinlich Menschliches Wesen. Da war er also: Casper Hollywood! Mit scheuem Blick starrte er in unsere Richtung und gab seltsame Laute von sich. "Aga...Agagagayehnehclengrrrbubugaga" Oder so ähnlich. Auf jeden Fall ließ sich erahnen, dass dieser armen Kreatur nichts angenehmes widerfahren war. Es dauerte etliche Minuten, doch wir gewannen sein Vertrauen. Zögerlich kam er näher, setzte sich vor uns auf den Boden und schnurrte! Was für ein trauriger Anblick. Wahrscheinlich würde niemand ihn wiedererkennen. Früher war Casper ein wahrer Adonis. Blonde, lange Haare. Schlagfertig. Der Partylöwe Nr.1. Ein absoluter Hottie und Frauentyp. Wie die Motten zogen die Damen ihre Kreise um diese Lichtgestalt. Und jetzt??? Was für ein Jammer! Aber Aussehen ist nicht alles. In seiner kreativen Stunde nach der Fütterung blitzt seine künstlerische Raffinesse immer noch auf. Mit der er alle aufbegehrenden Nachahmer locker in die Tasche steckt. Diesen verfluchten Teufelsbraten wollten wir nur zu gerne unter unsere Fittiche nehmen! Iggy war überaus froh sich dieser Last zu entledigen und ließ für den nächsten Tag einen Flug buchen, damit wir es uns auch ja nicht noch anders überlegen. Außerordentlich freundlich von ihm! Caspers Fütterung legten wir tags darauf 2 Stunden vor Abfahrt zum Flughafen. Somit war er die nächsten 20 Stunden mindestens ruhiggestellt. Katzengejammer wäre das Ungünstigste, was wir im Flieger gebrauchen konnten. Iggy chauffierte uns persönlich zum Flughafen. Und zwar mit dem Cabrio, welches er danach wieder vor dem "Rainbow" abstellen wollte. Zum Abschied herzte er uns überschwänglich, dankte uns nochmal und nochmal und winkte uns hinterher. Casper in der Mitte eingehakt, stiegen wir die Stufen zum Flieger rauf, schauten ein letztes Mal zurück und erst jetzt fiel uns das Nummernschild des pinkfarbenen Cabrios auf.  -USA-DT-Nmbr 1- Wortlos blickten John und ich uns an und stiegen ein.
Der Flug verlief ohne Zwischenfälle. Wir wechselten uns mit dem Schlafen ab, damit einer von uns beiden immer ein Auge auf unseren Pflegefall hat. Unsere Sorge war unbegründet. Casper schlief tief und fest und gluckste friedlich vor sich hin. Nach der Ankunft in Hamburg bugsierten wir ihn auf einen Trolley, zogen ihn damit zu unserem Auto und machten uns auf den Weg Richtung Nordseeküste. Auf der Fähre, mit der wir zu unserer Hallig übersetzten, kam Casper langsam zu sich, grummelte irgendetwas, schien aber guter Laune zu sein. Die frische Seeluft tat ihm gut und wahrscheinlich witterte er seine Lieblingsspeise. Nach einer knappen Stunde waren wir endlich da. Endlich wieder Zuhause. Auf unserem kleinen Eiland. In unserem kleinen, gemütlichen Reethaus. Weit weg von der Glitzermetropole am Pazifik. Johns reizende Frau Helen hatte uns bereits erwartet und den Tisch gedeckt. Ein dampfender Flammkuchen mit Feta, Peperoni und Oliven stand für uns bereit. Für Casper gab es natürlich...na was wohl!? Das Ganze ließen wir uns mit der Flasche Wein munden, die uns unser lieber Freund Iggy Pop mitgegeben hatte. Ein edler Tropfen, Marke Chateau de Frog.


Ende